Die Geschichte der Deutschen im Bürgerkriege ist ein noch völlig
unbetretenes Gebiet.
Zwar haben sich bald nach dem Kriege mehrere namhafte Forscher mit dem
Gegenstande beschäftigt, jedoch keiner dieser Pläne ist über die ersten
Ansätze gediehen.
General v. Schimmelfennig verstarb darüber, Kapp wurde Amerika
entfremdet, Dilgers sorgfältig gesammeltes Material verbrannte, usw.
Später machte sich dann vielfach die Ansicht geltend, daß wegen der
großen Zerstreuung der deutschen Soldaten über die Unionsheere doch nur
eine teilweise Erfüllung der Aufgabe möglich sei, daß man nur ein
Bruchstück der deutschen Kriegsgeschichte schreiben könne. Aber sollte
wegen dieser sicherlich weit überschätzten Behinderung die schönste
Einzeltat unseres Volksstammes der Vergessenheit anheimfallen? Sollte
über der Tatsache, daß die deutschgeborenen Unionssoldaten (216.000
Mann) nicht in großen Armeekorps vereinigt werden konnten, die andere
Tatsache übersehen werden, daß unser Volk am treuesten zur Union
gestanden hat? Das zugeben hieße doch auf die Darstellung der
wichtigsten Periode der deutschamerikanischen Geschichte verzichten.
Es läßt sich übrigens ein recht stattliches Bruchstück der deutschen
Kriegstaten darbieten, und oft genug wird man dabei erinnert, daß es die
Brüder der Sieger von Düppel, Königgrätz und Sedan waren, welche sich
auf amerikanischem Boden geschlagen haben. Kein Ereignis hat so tief
eingegriffen in das Lebendes deutschamerikanischen Volkes als der Kampf
für die Union, und niemals konnten unsere Stammesgenossen in solcher
Eintracht auftreten als während jener großen Zeit. Diese Einigkeit
gewährt ihnen eine Ausnahmestellung. Während sich die eingeborenen
Amerikaner und die Angehörigen aller übrigen eingewanderten Volksstämme
in zwei feindliche Heerlager spalteten, finden wir die Deutschen nur auf
der Seite der Union. Es hat unter ihnen so gut wie keine Förderer der
Sezession gegeben, wie es auch so gut wie keine deutschen Sklavenhalter
gegeben hat. Sie stellten bedeutend mehr Soldaten als jedes andere
Volkselement, weit über das Doppelte ihrer Pflichtzahl. Ferner stand das
Deutschtum während des Jahrzehntes 1855 bis 1865 in seiner schönsten
Blüte. Schon als Masse wirkte es imponierend – verhältnismäßig war es
damals so stark als zur Zeit der später einsetzenden Hochflut der
Einwanderung. Aber seine Kraft beruhte besonders in der in seinen Reihen
vertretenen Bildung und Kultur, in dem Idealismus, von dem es durchglüht
war, in der freiheitlichen Gesinnung, welche bis tief in den untersten
Volksschichten vorherrschte.
Niemals haben die Deutschen unter einer besseren Führung gestanden als
zu jener Zeit, und sicherlich hätten sie zu keiner anderen Periode ihres
Wirkens in Amerika den Forderungen besser genügen können, welche an ihre
Treue gestellt wurden. Schon das Nachweisen dieser Tatsachen darf gewiß
als eine würdige Aufgabe gelten und wird auch als Beitrag zu der
allgemeinen Geschichte des deutschen Volkstums willkommen sein. Aber
noch wichtigere Gründe sprechen für eine von deutscher Hand kommende
Schilderung jener Zeit.
In den zahllosen englisch geschriebenen Krieggeschichten wird man nur
selten auf Arbeiten stoßen, welche, wie das schöne Werk Hamlins über
Chancellorsville unseren Landsleuten die gebührende Gerechtigkeit
widerfahren lassen, oft genug aber auf Schmähschriften und gehässige
Angriffe.
Die einzige Widerlegung derselben kann nur durch die Darstellung der
wirklichen Kriegstaten der Deutschen erfolgen. Man darf wohl in nicht
allzu ferner Zeit dem Erscheinen eines größeren kulturgeschichtlichen
Werkes über Nordamerika entgegensehen, welches die Dinge weniger
einseitig behandelt, als es bisher geschehen ist. Die zeitgenössische
deutschamerikanische Presse kam als Quelle weniger in Betracht. Sie
hatte sich derartig mit den Kriegsereignissen zu befassen, daß ihr über
den Anteil der Deutschen leider wenig zu sagen blieb.
Auch war zu jener Zeit der Neuigkeitsdienst der Zeitungen noch sehr
dürftig. Es sind ziemlich umfangreiche Stichproben in den alten
Jahrgängen gemacht worden, aber auf das Durchwühlen aller dieser
stauberfüllten Riesenbände mußte verzichtet werden. Doch hatten meine
Mitarbeiter viele Zeitungsausschnitte gesammelt, und so konnte auch aus
jenen Quellen noch mehrfach geschöpft werden.
Mit mehr Vorteil waren die Korrespondenzen zu verwerten, welche 0. v.
Corwin und W. A. « (wohl Fritz Annecke) für die Augsburger Allgemeine
Zeitung geschrieben haben. Daß die Reden und Schriften des wackeren
Volksmannes Vocke in Chicago und das Rosengartensche Buch »The Germans
in the wars of the United States« (dieses jedoch nur für die
Regimentsgeschichten) Verwendung gefunden haben, ist wohl
selbstverständlich. Auch die recht stattliche deutsche
Flugschriftenliteratur über den Krieg, meistens von Mitkämpfern
stammend, wurde durchgesehen, soweit sie noch nicht verschollen war.
Die ethnische Komponente des Bürgerkriegs wird oft zu wenig
beachtet:
Nicht alle der Teilnehmer waren geborene Amerikaner, die Volkszählung
von 1860 wies vier Millionen im Norden und 233.000 im Süden als
Neueinwanderer bzw. außerhalb der USA Geborene auf. Das Bewußtsein,
einer Volksgruppe aus der alten Heimat anzugehören, spielte 1861 bei der
Rekrutierung und in der Tradition der Regimenter eine bedeutende Rolle.
Der Einfluß und die Mitwirkung dieser Neuamerikaner machte den
Binnenkonflikt zwischen Nord und Süd zu einem international beachteten
Krieg. Der Süden war in seiner Zusammensetzung homogener, aber auch hier
spielten die »Foreigners« eine Rolle. Jedoch nicht in dem Ausmaß, wie
das in der Union der Fall war.
Die Zahlen variieren etwas; Benjamin Goulds Statistiken: »Investigations
in the Statistics of American Soldiers«, New York, 1869, weisen rund
176.000 Deutsche auf:
Geborene Amerikaner 1 523 267, Deutsche 176817, Iren 144221,
britischstämmige Amerikaner 53532, Engländer 45508, Andere
Nationalitäten 48410,
Nicht festgestellt 26445, Gesamtzahl erfaßter Rekruten 2.018.200.
Wilhelm Kaufman -1911-, dessen Buch die Leistungen der Deutschen und
Deutschstämmigen besonders stark herausstreicht, setzt die Zahlen weit
höher an: 216.000 in Deutschland geborene Unionssoldaten, 300.000 Söhne
deutscher Einwanderer und weitere 234.000 deutscher Abstammung. Nach
Kaufman sind etwa 37% der Unionstruppen Deutsche oder deutscher
Abstammung gewesen. Die Teilnahme ausländischer Bürger wurde auch
deshalb lange Zeit wenig hervorgehoben, weil die Jahre unmittelbar vor
Kriegsbeginn von der einwanderungsfeindlichen politischen Bewegung der
»Know-Nothings«, von Ressentiments gegen osteuropäische Neueinwanderer
und religiösen Ablehnungen gekennzeichnet waren. Selbst im Krieg wurde
in einigen Zeitungen gegen Deutsche, und andere Minoritäten gehetzt.
General Ludwig Blenker mit seinem "internationalen" Stab im Hauptquartier
seiner Armee in der Nähe von Washington.
Rechts neben ihm steht Julius Stahel, links neben Blenker, die Hand im
Revers, Colonel Prinz Felix von Salm-Salm.
GeneralFranz Sigel (1824-1902) fight mit Sigel war der Slogan der
deutschen Soldaten unter seinem Kommando
Die U.S.-Kavallerie in den Indianerkriegen
Die Auseinandersetzungen zwischen der U.S.-Armee und den Indianern waren
nur sehr entfernt mit dem Begriff »Krieg« zu umschreiben.
Sie waren kein Krieg im konventionellen Sinn. Es handelte sich vielmehr
um permanent andauernde Kämpfe, an denen die Armee nicht als
geschlossener Kampfverband beteiligt war.
Es waren aneinandergereihte Scharmützel, kleinere und größere
Schlachten, Gefechte und Feldzüge, an denen verschiedene Truppenteile
auf die verschiedenste Weise teilnahmen.
Schon in den frühen Indianerkriegen während des ersten Drittels des 19.
Jahrhunderts hatten sich berittene Milizen als wichtiger und effektiver
erwiesen als Fußsoldaten.
Die Stämme, mit denen nach dem Bürgerkrieg Konflikte drohten, waren
durchweg gut beritten und erfahrene Kämpfer, so daß von vornherein klar
war, daß der U.S.-Kavallerie der wichtigste Part in den künftigen
Auseinandersetzungen zufallen würde. Es galt, die Taktik der Indianer
anzunehmen und mit gleichen Mitteln zu erwidern. Der Reiter war
gefordert.
Nach dem Bürgerkrieg setzte mit Vehemenz die Eroberung des Westens ein.
Hier aber wehrten sich die indianischen Stämme gegen den Raub ihrer
Heimatgebiete.
Die U.S.-Kavallerie kämpfte den Siedlertrecks den Weg frei.
Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es - nach einer
weiteren Reorganisation von 1869 - 10 Regimenter Kavallerie, 5
Regimenter Artillerie und 25 Regimenter Infanterie, die sich in nur noch
3 Militärdivisionen aufteilten, die des Atlantiks, des Pazifik und des
Missouri. Die U.S.-Kavallerie hatte zu diesem Zeitpunkt eine
Gesamtstärke von 8.450 Mann sowie 432 Offiziere.
Die Einheiten waren verteilt auf 255 Militärposten im ganzen Land (im
Jahre 1869), wobei mancher dieser Stützpunkte mit nicht mehr als einer
Kompanie ausgestattet war, die meistens nicht einmal die Sollstärke
erreichte. Die meisten dieser Posten nannten sich Fort, obwohl sie
häufig nur aus ein paar Holzhütten ohne weitere militärische Anlagen
bestanden. Einige Quartiergebäude aus rohen Baumstämmen und eine
militärische Handelsstation am Rande einer Overlandstraße ohne
Festungscharakter, ohne Palisade, ohne Schutzwall waren beinahe die
Regel. Lediglich die U.S.-Flagge dokumentierte den militärischen
Charakter.Die Indianerkriege, die sich in diesen Regionen abspielten,
waren sich ständig wiederholende Tragödien in mehreren Akten:
Verhandlungen, Vertragsbrüch Feldzüge, Unterwerfungen. Erneute
Verhandlungen, erneute Vertragsbrüche, erneute Feldzüge ... Das Schema
war überall gleich. Die Zielsetzung aber war ihnen allen gleich:
Verdrängung der roten Stämme, Befriedung in Reservationen, Befreiung des
guten und fruchtbaren Landes für die nachdrängenden weiteren Pioniere
und Abschiebung der Indianer in die kärgsten Gebiete. Stellte sich aber
später heraus, dass es dort Bodenschätze gab, konnten sich die Reste der
einst stolzen Stämme nicht einmal der unfruchtbarsten Landstriche mehr
sicher sein. Sie waren Gejagte, Vertriebene im eigenen Land, heimatlos,
rechtlos, ein Volk von Verlorenen.
Der Dienst der U.S.-Kavallerie war so gefahrvoll wie eintönig. Die
schillernden Klischees der Unterhaltungsindustrie unserer Tage haben mit
der Wirklichkeit nicht einmal das Kostüm gemein. Abgeschieden von der
Zivilisation, isoliert in kleinen, dreckigen Forts, in
menschenunwürdigen Mannschaftsquartieren mit mangelhaften hygienischen
Verhältnissen hausend taten die Kavalleristen einen undankbaren,
lebensgefährlichen Dienst. Schlecht bezahlt und unterversorgt, von
Regierung und Parlament immer wieder im Stich gelassen, der
Öffentlichkeit nur durch eine sensationshungrige Presse nahegebracht,
aber im Grunde unverstanden und misstrauisch beobachtet, fristete der
Soldat der amerikanischen Pionierzeit ein glanzloses Dasein.
Da waren (1865) über 200.000 Indianer, die Sioux, die nördlichen
Cheyennes und Arapahos im Norden, die Comanchen, die südlichen
Cheyennes, die Kiowas und Apachen im Süden. überwiegend unvergleichliche
Reiter, exzellente Kämpfer, harte und tapfere Krieger, die manche als
die beste leichte Kavallerie der Geschichte bezeichneten. Hätten sie
einen Dschingis Khan gehabt, der sie organisiert hätte, so hätten sie
die amerikanische Expansion nach Westen blockieren, zumindest aber
hinauszögern können. Aber zur Zeit ihrer Kriege mit den Amerikanern
verfogten sie nur über taktisch begabte Häuptlinge, nicht aber über
einen einigenden Anführer, einen visionären Häuptling wie Tecumseh.
Robert Leckie, THE WARS OF AMERICA, 1968
Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
Dietmar Kügler, DIE U.S.-KAVALLERIE, 1979